Hany Abdelkawi, führender Google-Experte für globale Innovationen und Forschung im Reisesektor, teilt hier seinen neuesten Branchenbericht. Dieser entstand in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Alvarez & Marsal.
Die Prognosen für die Reisebranche sind so vielversprechend wie nie zuvor – doch die Spielregeln ändern sich grundlegend. Bis 2050 wird die Anzahl der Reisenden weltweit nicht nur massiv wachsen, sondern sich in ihrer Struktur völlig neu formieren. Wenn der Anteil der Reisenden an der Weltbevölkerung von 50 Prozent auf 70 Prozent steigt, wandelt sich das Reisen vom optionalen Luxusgut zur allgemeinen Freizeitgestaltung.1
Dieser Shift wird im Vergleich zu 2025 weltweit zusätzliche Ausgaben in Höhe von 4,2 Billionen US-Dollar generieren und rund 1,9 Milliarden zusätzliche Reisen in das globale Ökosystem spülen.2 Aber Vorsicht: Volumen ist nicht gleich Wert. Die Nachfrage wird im Jahr 2050 deutlich fragmentierter über verschiedene Destinationen verteilt sein, sich stark auf Inlandsmärkte konzentrieren und ohne einen strategischen Kurswechsel in der Akquise kostspieliger werden.
Reise-Roadmap bis 2050: So ändert sich die globale Mobilität
Die neueste Studie von Google und Alvarez & Marsal skizziert die Zukunft der Reisebranche. Sie untersucht die entscheidenden Auswirkungen für Marken – und die Schritte, die heute unternommen werden müssen.
Die wichtigsten Studien-Insights auf einen Blick:
- Robustes Nachfragewachstum: Die Zahl der internationalen Reisen hat sich in den letzten 25 Jahren verdoppelt und wird sich bis 2050 voraussichtlich noch einmal auf rund 3,5 Milliarden erhöhen.3
- Diversifizierung der Reiseziele: Die Ära der Top-5-Destinationen geht zu Ende.4 Unsere Daten prognostizieren, dass der Marktanteil der heutigen Top-5-Reiseziele bis 2050 von 26 Prozent auf 18 Prozent sinken wird.5 Das Wachstum verteilt sich dann auf eine breitere Palette von Ländern; insbesondere Ziele abseits der Top 15 gewinnen erheblich dazu.6 Diese Fragmentierung erfordert ein Umdenken in der Suchstrategie: Da das Interesse der Reisenden breiter wird, müssen Marken den „Long Tail“ besetzen und für mehr Destinationen als je zuvor optimieren.
- Wert vs. Volumen: Die Region Asien-Pazifik wird Europa beim Volumen der Auslandsreisen und bei den Gesamtausgaben überholen, weil das regionale Reisen durch die wachsende Mittelschicht und aufstrebende Volkswirtschaften in dieser Region zunehmen wird. Reisende aus Europa bleiben jedoch führend beim Ausgabenwachstum pro Reise – begünstigt durch eine große Anzahl an Kurzstrecken und einen hohen Anteil an Langstreckenreisen innerhalb Europas.
- Inlandsreisen als Rückgrat: Mit über 90 Prozent aller Reisen bleibt der Inlandstourismus das Fundament der Branche.7 Um dieses Potenzial zu nutzen, benötigen Reisemarken eine spezifische Strategie für die nationale Suche, denn Nutzerinnen und Nutzer verwenden bei Inlandsreisen andere Keywords und zeigen andere Verhaltensweisen als bei internationalen Urlauben. Für globale Anbieter sind Inlandsbuchungen zudem der ideale Hebel für die Markentreue: Wer lokale Reisende heute mit hohen Servicestandards überzeugt, sichert sich deren preisintensivere Auslandsbuchungen von morgen.
- Agentic AI als Katalysator: 3,5 Milliarden Reisen lassen sich mit heutigen manuellen oder linearen Prozessen nicht mehr bewältigen. Der Übergang zur agentischen KI (Agentic AI) bedeutet weit mehr als nur bessere Chatbots – es geht um autonome betriebliche Effizienz. KI entwickelt sich vom Assistenten zum Manager der gesamten Reise. Künftig werden Reisende Buchungen für Flüge und Hotels direkt im KI-Modus abschließen können. Marken sollten ihre Inhalte daher kritisch prüfen: Nur wer klare, detaillierte Informationen liefert, die gezielt Kundenfragen beantworten, wird in den KI-gestützten Antworten von Google präsent sein.
„Technikaffine Konsumentinnen und Konsumenten sowie ein kaufkräftiges Seniorensegment werden bald den Löwenanteil der Reiseausgaben ausmachen. Das erfordert differenzierte Angebote, die auf neue Muster wie längere Aufenthalte, Community Building und Alleinreisen zugeschnitten sind“, erklärt Jorge Gilabert, Managing Director bei Alvarez & Marsal.
„Während Agentic AI die Betriebsmodelle revolutioniert, setzt ihr volles Potenzial eine modernisierte Datengrundlage voraus. Gleichzeitig darf man nicht vergessen: In einer Branche, in der es um Menschen geht, bleibt der persönliche Service das entscheidende Unterscheidungsmerkmal.“
In Zukunft wird KI immer häufiger Aufgaben eigenständig übernehmen. Dadurch verliert das pure Volumen als Wettbewerbsvorteil an Bedeutung. Ohne die passenden Werkzeuge führt eine höhere Datenmenge lediglich zu mehr digitalem Grundrauschen statt zu echtem Mehrwert.
Erfolgreich werden 2050 jene Reisemarken sein, die KI nutzen, um die Komplexität des Vertriebs zu meistern und sicherzustellen, dass ihr Wert von KI und Reisenden gleichermaßen erkannt wird. Der Auftrag ist simpel: die Logik automatisieren, um den eigentlichen Mehrwert zu skalieren.
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